Eines Nachmittags an der Tranvia, kasaan media, 2017
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Freiwild

Menschenrechte scheinen nicht überall gleich verstanden zu werden- auch nicht auf dem Territorium der Europäischen Gemeinschaft. Die Menschenrechtssituation der Homosexuellen und Transsexuellen auf Teneriffa ist zum Teil bedenklich.

Eigentlich sind es Unmenschenrechte.

Es ist heiß an diesem Juniabend in San Cristóbal de la Laguna. Die Stadt liegt im Norden Teneriffas und gehört zum Einzugsgebiet der Hauptstadt Puerto de la Cruz. Auf einer Bank, neben der modernen Straßenbahn, treffen sich zwei Außenseiter der Gesellschaft auf der vom Tourismus lebenden Insel.

Ständiges Gebettel

Ein Mann kommt vorbei- er verlangt, dass ihm die Transsexuelle einen Kaffee kauft. Er macht das ziemlich massiv, weil er keine Strafe fürchten muss. Vor ihm sitzt menschliches Freiwild. So benimmt er sich eigenartiger Weise auch. Einer, der tritt, obwohl er „ganz unten liegt“, der sich immer noch jemanden sucht, den er meint unter sich zu haben. Das ist die einfache Logik derer, die sich jedoch an den Minderheiten zu gerne vergreifen.

So stehen Transsexuelle ganz unten in der sozialen Hierarchie.

Brüssel ist weit und scheinbar schert sich auch niemand darum, wenn es um ein paar “ Exoten“ auf der Insel geht.

Jacqueline* kommt aus Marokko-die Dunkelhaarige lebt schon seit Jahren hier, in den eher ärmeren Teilen der Stadt. Sie erzählt mit kargen spanischen Worten, wie es ihr geht. Mehrfach wurde sie von Banden aus dem europäischen Raum überfallen.

Sie lebt illegal in Spanien, seit Jahren, hat sich als Friseurin versucht, danach hat sie keinen Job mehr gehabt. In Marokko ging es ihr besonders schlecht, die Familie, die sie auf den „richtigen Weg bringen wollte“. Irgendwann riss sie einfach aus. Wie sie nach Spanien kam, lässt sie im Dunklen.

In den ärmeren Stadtteilen
kasaan media, 2017

Antonio* weiß zu berichten, dass ihn seine Mutter mit Strychnin vergiften wollte. Er rang tagelang mit dem Tod.
Sein Vater ist tot. Antonio hat noch Verwandtschaft in Venezuela. Er lebt von Computer Reparaturen. Sein Leben sei ganz schwer, betont er immer wieder. Die Straße an der Tram ist zu diesem Zeitpunkt fast menschenleer.

Antonios Mutter hasst Homosexuelle, mittlerweile bezeichnet der junge Mann, der schon einen Herzinfarkt und zwei Schlaganfälle hatte, sein Leben in einem kleinen Zimmer, im Haus seiner Mutter, als Gefängnis.
Antonio fühlt sich lebendig begraben. Er ernährt sie, nicht aus Liebe, sondern wahrscheinlich aus Gewohnheit.
So und nicht anders geht das Leben weiter, meint er traurig, während sich ein weiterer Mann, der nach Geld begehrt, sich fast unsittlich annähert. Auch er will Geld, für Wein, Schnaps oder Zigaretten.

Die Polizei auf der Insel ist für die beiden keine Hilfe, im Zweifel sind sie schuld, wenn es irgendwie zur Eskalation kommt.
Eine Perspektive haben beide nicht, wenig später verschwinden die beiden Außenseiter in einer der Seitenstraßen.
Die lokale Regierung war zu einer Stellungnahme nicht erreichbar.
*( Name von der Redaktion geändert)

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